

Hochfunktionaler Autismus / Asperger-Syndrom
Im Gegensatz zu frühkindlichem Autismus sind Betroffene von hochfunktionalem Autismus in der Regel normal oder sogar hoch begabt und verfügen über durchschnittliche bis sehr gute Sprachfähigkeiten. Die Betroffenen zeigen gute bzw. überdurchschnittliche bis „geniale“ Leistungen, oft v. a. in interessengeleiteten Bereichen. Da sie im Schulsystem jedoch oft nicht gut zurechtkommen, können die Noten überraschend schlecht sein.
Menschen mit hochfunktionalem Autismus fällt es schwer, die Aussagen oder das Verhalten anderer zu verstehen. Das führt manchmal schon ab dem Grundschulalter, spätestens in der Jugend mit wachsenden zwischenmenschlichen Herausforderungen zu sozialen Problemen. Ihre Sprache wirkt manchmal altklug oder umständlich, mit monotoner Sprachmelodie. Ironie oder Redewendungen werden oft wörtlich und nicht sinnentnehmend verstanden, was zu Missverständnissen und Irritationen führt.
Typisch sind feste Routinen, rigide Verhaltensweisen und eine starke Abneigung gegen Veränderungen. Viele haben ein ausgeprägtes Spezialinteresse – oft aus dem naturwissenschaftlichen Bereich –, das sie ausdauernd verfolgen und gerne als Gesprächsthema heranziehen. Motorische Ungeschicklichkeit ist ebenfalls häufig. Die Betroffenen sind sehr schnell reizüberflutet und profitieren von einer ruhigen Umgebung.
Therapieansätze
Wichtig ist eine umfassende Aufklärung nach der Diagnosestellung. Oft ist es eine gewisse Entlastung, jahrelang erlebte Besonderheiten einordnen zu können. Autismus-Spektrum-Syndrome sind überdauernd. Jedoch kann mit den Symptomen gearbeitet und dadurch ein guter Fortschritt erzielt werden. Ein wichtiges Ziel ist der Aufbau sozialer Kompetenzen – etwa durch Training zur emotionalen Selbst- und Fremdwahrnehmung oder das Üben sozialer Situationen. Kreativtherapien wie Musik oder Kunst oder tiergestützte Verfahren können ebenfalls helfen sich mehr zu spüren.
Eine bessere Selbststrukturierung im Alltag ist ebenfalls von großer Bedeutung, andererseits gilt es, allzu zwanghaften Prinzipien mehr Flexibilität entgegenzusetzen. Um den inneren Stresslevel zu reduzieren, müssen Strategien zum Umgang mit der hohen Reizempfindlichkeit entwickelt werden. Stärken sollten gezielt gefördert werden, auch im Hinblick auf Schule, Ausbildung oder Beruf. Besonderes Augenmerk unserer Sozialberatung liegt darauf, die individuell passende schulisch-berufliche Perspektive zu finden und zuträgliche Umgebungsbedingungen zu gewährleisten. Eltern und Bezugspersonen werden möglichst eng einbezogen.
In der Jugend spüren Menschen mit Hochfunktionalem Autismus ihre sozialen Defizite immer stärker. Manche ziehen sich zurück, andere überfordern ihr Umfeld durch einseitige Gespräche und erfahren dadurch wiederum Distanz. Das Selbstwertgefühl leidet dadurch. Die Betreffenden können ihre Schwierigkeiten nicht einordnen und fühlen sich hilflos. Gereiztheit, Depression oder auch expansive Verhaltensweisen aus Verzweiflung können Folgen sein.
Haltgebend hingegen sind Rituale und feste Abläufe, an denen die Betreffenden in der gesamten Unsicherheit verständlicherweise stark festhalten. Veränderungen sind schwer aushaltbar, bringen Irritation und lösen echte Not aus. Reize werden besonders stark wahrgenommen und können nicht gefiltert werden. Die Konfrontation mit öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Menschenmengen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder eine ausgeprägte Geräuschkulisse bedeuten einen extrem energieraubenden Dauerstress.
Einige Zeit können die Jugendlichen / jungen Erwachsenen dies, abhängig von ihren erworbenen Kompetenzen, ausgleichen. Dann aber wird der Leidensdruck oft sehr groß und fachliche Hilfe ist nötig.
Die Diagnosestellung bei hochfunktionalem Autismus, der weniger auffällig ist als frühkindlicher Autismus, erfolgt meist im Jugendalter, wenn die Besonderheiten wegen den steigenden sozio-emotionalen Anforderungen offensichtlicher werden. Oft werden im Vorfeld die Symptome unter wechselnden Vermutungen als Soziale Phobie, ADHS, Entwicklungsverzögerung oder Zwangsstörungen interpretiert. Da es oft um Identitätsfindung geht, können auch Unsicherheiten hinsichtlich der geschlechtlichen Orientierung einfließen.
Symptombereich Soziale Interaktion
- Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen (eingeschränkte Empathie)
- Probleme Gefühle und Gedanken anderer zu erkennen oder soziale Situationen zu verstehen
- Geringes Bedürfnis oder Ungeschicklichkeit, Erlebnisse oder Gefühle zu teilen
- Auffälligkeiten in Mimik, Gestik, Körperhaltung und Blickkontakt
- z.T. wenig Interesse an Beziehungen mit Gleichaltrigen (dennoch sozialer Leidensdruck) bzw. erhöhter Bedarf nach Rückzug
Symptombereich Stereotype Verhaltensweisen und Spezialinteressen
- Starkes, teils zwanghaftes Interesse an speziellen Themen
- Feste Rituale und Routinen, deren Sinn nicht immer nachvollziehbar ist
- Schwierigkeit, sich auf andere Themen einzulassen – trotz hoher Intelligenz können dadurch schlechte Noten entstehen
- Veränderungsängste
Symptombereich Kommunikation
- Gespräche drehen sich meist um eigene Interessen
- Schwierigkeiten, Gespräche wechselseitig zu führen
- Detailverliebtheit, Themenabschweifung, unpassende Redeführung
- Auffällige Sprachmelodie, altmodische oder formelle Ausdrucksweise
- Probleme mit Mimik, Gestik und Blickkontakt
- Wörtliches Verstehen von Ironie, Metaphern oder Zweideutigkeiten
Anamnese und Verhaltensbeobachtung
Eine sehr gründliche Anamnese zur frühkindlichen und späteren Entwicklung mit den Eltern ist unabdingbar. Darüber hinaus ist das Kennenlernen der Verhaltens- und Reaktionsweisen in alltäglichen und sozialen Situationen ergänzend dringend anzuraten zur Validierung der Diagnose. Dies kann in der HEMERA Klinik durch einen stationären diagnostischen Aufenthalt, in dem zudem die genannten Testverfahren durchgeführt werden, ermöglicht werden.
Ein Vorteil ist die kinder- und jugendpsychiatrische Expertise unseres Hauses, die auch jungen Erwachsenen zuteil wird: Da Autismus-Spektrum-Störungen zu den Entwicklungsstörungen gehören, sind sie in allen Altersstufen selbstverständlicher Bestandteil des kinder- und jugendpsychiatrischen Facharztgebiets, nicht jedoch der erwachsenenpsychiatrischen. Daher gibt es für junge Erwachsene kaum stationäre oder diagnostische Angebote und wenn, dann mit sehr langen Wartezeiten.
Fragebögen
Zur ersten Einschätzung werden Fragebögen genutzt:
- FSK (Fragebogen zur Sozialen Kommunikation)
- SRS (Skala zur sozialen Reaktivität)
- MBAS (Marburger Skala zum Asperger-Syndrom)
Diese dienen zur Einschätzung, ob eine vollständige Diagnostik sinnvoll ist.
Testverfahren
Die bekanntesten Tests sind die sehr umfangreiche Diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen („Autism Diagnostic Observation Schedule“, ADOS) und ergänzend als Familieninterview das „Autism Diagnostic Interview-Revised“ (ADI-R). Sie gelten als Standard-Bausteine der Diagnosesicherung. Die Durchführung ist höchst aufwendig und sollte nur durch für diese Verfahren spezifisch geschulte Fachkräfte erfolgen.
Grundprinzipien
Ein Hochfunktionaler Autismus ist nicht vollständig heilbar. Ziel ist eine Akzeptanz und verbesserter Umgang mit den vorliegenden Besonderheiten, die Minderung störender Symptome und die Erweiterung von Kompetenzen, um den sozialen Umgang und den Alltag zu erleichtern. Menschen mit Autismus-Spektrum-Syndrom sind höchst unterschiedlich. Die Behandlung muss daher sehr individuell ausgerichtet sein.
Konkrete Maßnahmen
- Unterstützen beim Umgang mit der Diagnose, Fördern der Selbstakzeptanz
- Einzel- , gefolgt von Gruppentherapie zur Verbesserung sozialer Kompetenzen
- Üben emotionaler Wahrnehmung und sozialer Signale
- Erlernen von Alltagsstrategien zur besseren Selbstorganisation
- Training in Lösungsstrategien und Bewältigung alltäglicher Herausforderungen
- Strategien zu Reizabschirmung und Selbstfürsorge
- Behandlung von Begleitdiagnosen wie Depression oder Zwängen
- Beratung für Familie und Umfeld
- ggf. psychopharmakologische Unterstützung: da Autismus-Spektrum-Störungen hirnorganische Grundlagen aufweisen, kann eine Medikation bei starken Symptomen besonders sinnvoll sein
Schulisch-berufliche Hilfe
- Training zur besseren Belastbarkeit und Alltagsbewältigung
- konkrete Vorbereitung auf den Schulbesuch oder das Berufsumfeld durch Klinikschule oder Arbeitstherapie
- Beratung bei Bedarf zu Schulwechsel, Internat, Studienplatz oder neuer beruflicher Perspektive
- Verbesserung von Umfeldbedingungen, z.B. Vermittlung eines Schulbegleiters oder Studienhelfers
- Vorbereitung auf Entlassung durch Probebeurlaubungen ins eigene oder künftige Umfeld
Behandlungsansatz der HEMERA Klinik
Die Klinik bietet keine spezielle Station für Patient*innen mit Hochfunktionalem Autismus sondern arbeitet bewusst in einem Setting mit gemischten Diagnosen. Diese sind jedoch alle den sog. internalisierenden Störungsbildern zugeordnet, so dass ein schützender Rahmen mit sensiblen Mitpatient*innen gegeben ist. Die jungen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung werden nicht in einer Gruppe abgespalten, sondern erhalten bei uns die Gelegenheit, in einem alltagsnäheren Umfeld mit nicht-autistischen Gleichaltrigen zu üben und Fortschritte zu machen.
Voraussetzungen für eine stationäre Therapie in der HEMERA Klinik sind:
- Fähigkeit zur Trennung von Bezugspersonen
- Integrationsfähigkeit in ein diagnosegemischtes Setting
- Eignung für eine auf Eigenverantwortung ausgerichtete Behandlung
- Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit
- Eigene Motivation zur Veränderung
- Mitteilungsfähigkeit und -bereitschaft
- Realistische Zieldefinition
- keine expansiven oder für andere bedrohlichen Verhaltensweisen
- keine vorrangig erzieherischen statt psychotherapeutischen Bedarfe
Vorgespräch
Ein vorgeschaltetes Orientierungsgespräch hilft zu klären, ob unsere Klinik für Sie geeignet ist.



