Zwangsstörungen

Wenn Zwänge und Ängste den Alltag bestimmen

Viele Menschen folgen täglichen Routinen. Das ist normal und sogar wichtig für Struktur und Selbstorganisation. Bei Zwangsstörungen werden diese Handlungen jedoch überwertig. Sie müssen ständig wiederholt werden, kosten sehr viel Zeit und stören den Alltag stark.

Betroffene spüren einen inneren Zwang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun – obwohl sie wissen, dass dies nicht angemessen ist. Wenn sie Zwänge unterlassen, fühlen sie großes Unbehagen und sogar Angst, dass „etwas passieren könnte“. Erst wenn sie dem Zwang nachgeben, lässt die Anspannung kurz nach. Somit wird das Zwangsverhalten aber noch mehr konditioniert und weitet sich aus.

Allerdings kann es gelingen, in der Öffentlichkeit die Verhaltensweisen zu unterdrücken. Dann wird im privaten Umfeld der Zwang aber umso stärker „nachgeholt“, bindet bisweilen sogar andere Familienmitglieder ein, die sich an ein bestimmtes, durch die Zwänge diktiertes Regelwerk halten müssen, um den Zwängen gerecht zu werden.

Für Zwangsstörungen besteht meist eine gewisse Veranlagung durch eine ordnungsliebende, strukturaffine Wesensart. In Belastungssituationen kann das unbewusste Verlangen, sich kompensatorisch Sicherheit durch Ordnung und Rituale zu verschaffen, überhandnehmen. Zwangsgedanken weisen mitunter auch tabuisierte, schambehaftete Inhalte auf, was es bei den Betreffenden noch mehr Leidensdruck auslöst.

Behandlung von Zwängen in der Klinik

Menschen mit stark ausgeprägten Zwängen, Problemen im Alltagsvollzug und einer längeren Behandlungsvorgeschichte ohne Erfolg im ambulanten Bereich können von einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Fachklinik profitieren. Dort können die Symptome systematisch mit intensiver Begleitung angegangen werden, das Verlagern auf den Privatbereich entfällt.

Mehr Infos?

Auf unserer Seite „Infomaterial/Downloads“ finden Sie Flyer und Broschüren zum Thema.

Reinigungs- und Waschzwang
Ständiges Waschen und Reinigen oder Nicht-Anfassen von vielen Gegenständen aus Angst vor Schmutz oder Krankheiten. Die Rituale dauern oft Stunden und führen zu wunder Haut, hohem Reinigungsmittelverbrauch, überfluteten Bädern und extremem Stress für die Mitbewohner*innen (dauernd belegtes Bad usw.).

Kontrollzwang
Mehrfaches Prüfen von Gegenständen, Abläufen usw.. Oft sind damit irrationale Ängste verknüpft, dass ohne die Kontrolle Schlimmes geschehen könnte. Rückversicherungszwänge mit ständigem Befragen von Mitmenschen zu den immer gleichen Angelegenheiten gehören auch in diesen Bereich.

Ordnungszwang
Zwang, Dinge perfekt und symmetrisch anzuordnen. Das kann Stunden dauern, und nie ist es „richtig“. Unordnung löst Unruhe bis Panik aus.

Wiederholungs- und Zählzwang
Handlungen oder Dinge müssen eine bestimmte Anzahl erreichen, alles muss gezählt werden, immer wieder. Zahlen oder Reihenfolgen gewinnen überwertige Bedeutung.

Sammelzwang (Messie-Syndrom)
Die Angst, etwas Wichtiges wegzuwerfen, führt dazu, dass Betroffene kaum etwas entsorgen – selbst Müll nicht. Es kann zu verwahrlosenden Zuständen kommen.

Zwangsgedanken ohne Handlungen
Belastende Gedanken oder Impulse, oft zu tabuisierten oder unmoralischen Themen, sehr fremd zur eigentlichen Wesensart, müssen immer wieder durchdacht oder durch Gegengedanken neutralisiert werden. Die Betreffenden führen aber keine sichtbaren Handlungen aus. Auch „magisches Denken“ kann vorkommen („Wenn ich X nicht tue, passiert Y“). Hier bestehen dann aber Handlungen, die für Außenstehende zusammenhanglos und unangebracht erscheinen.

Zwangsgedanken sind aufdringliche Ideen oder Bilder. Sie drehen sich oft um Schambehaftetes oder „Ungehöriges“ wie Gewalt, Sexualität oder Schuld, was die Betroffenen niemals umsetzen wollen. Es kann sich aber auch um Befürchtungen handeln, die unablässig das Denken bestimmen. Zwangsgedanken lähmen die Handlungs- und Leistungsfähigkeit und verursachen Angst.

Zwangshandlungen sind Rituale, mit denen Betroffene versuchen, überwertige Ängste z.B. vor Verschmutzung oder Erkrankungen, zu lindern. Typisch sind z. B. übermäßiges Waschen oder ständiges Kontrollieren. Die hergestellten Zusammenhänge können grenzwertig wahnhaft anmuten. Die Betroffenen wissen, dass die Zwänge nicht angemessen sind, können aber nicht damit aufhören, da sie sonst in große Not durch überbordende Ängste geraten.

Zwangsstörungen entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Genetische Veranlagung sowie eine veränderte Aktivität bestimmter Hirnregionen, insbesondere im Bereich der Impulskontrolle, spielen eine wichtige Rolle. Auch Ungleichgewichte im Neurotransmittersystem, vor allem beim Botenstoff Serotonin, sind beteiligt. Oft neigen die Personen auch schon im Vorfeld zu einer eher rigiden Haltung. Dann können belastende Lebensereignisse oder chronischer Stress die Entwicklung einer Zwangsstörung begünstigen.

Am Anfang der Behandlung steht die Diagnose. Dafür müssen die Betroffenen offen über ihre Probleme sprechen. Nur so können die Therapeut*innen herausfinden, welche Art von Zwang vorliegt und ob es weitere seelische Belastungen gibt, die behandelt werden sollten.

Ein wichtiger Teil der Therapie ist das Erstellen einer sogenannten Zwangs-Hierarchie. Dabei ordnet man die Zwänge nach Stärke: vom leicht zu unterlassenden Zwang bis zum stärksten. Diese Reihenfolge hilft bei den Expositionsübungen. Die Betroffenen stellen sich schrittweise ihren Zwängen – zuerst den leichteren, dann den schwereren.

Viele Menschen mit Zwängen leiden zusätzlich unter Depressionen. Diese entstehen oft durch den langen Leidensweg. Die Betroffenen fühlen sich dann traurig, hoffnungslos und zweifeln an sich selbst. Auch Ängste spielen eine große Rolle. Zum Beispiel: Wer ständig kontrollieren muss, hat meist große Angst, die Kontrolle zu verlieren. Deshalb ist es wichtig, auch andere Ängste früh zu erkennen und in die Behandlung einzubeziehen.

Stationäre Hilfe bei Zwangsstörungen

Ein stationärer Aufenthalt in unserer Klinik ermöglicht Betroffenen mit Zwangserkrankung zunächst einmal, Abstand vom mit Zwangsbefürchtungen oder -handlungsnotwendigkeiten besetzten Umfeld zu gewinnen. Manchmal ergibt sich in der neuen Umgebung sogar eine kurze Pause der Symptomatik, wodurch wieder Kraft gewonnen werden kann. Eine vertrauensvolle Beziehung zu Ärzten und Therapeuten ist besonders wichtig, um sich über die meist schambehafteten Inhalte der Zwänge äußern zu können.

Es ist entscheidend, offen über die Beschwerden zu sprechen. Nur so können die Therapeuten die genaue Art des Zwangs erkennen und mögliche weitere psychische Belastungen einbeziehen. Gemeinsam wird eine sogenannte Hierarchie erstellt: eine Liste von Zwängen, geordnet nach ihrer Schwere. Diese dient als Grundlage für gezielte Konfrontationsübungen (Exposition). Dafür müssen oft sehr individuelle Übungssituationen geschaffen werden, um zwangsauslösende Bedingungen herzustellen. Die Expositionen sind intensiv und werden stets begleitet. Sie erfolgen erst nach guter Aufklärung und der Fähigkeit zu Stabilisierungstechniken. Die Angst nimmt in einer gut geplanten Exposition ab. Dadurch kann eine „Entkonditionierung“ erfolgen. Die gelungenen Schritte müssen dann weiter geübt werden, bis sie selbstverständlich werden.

Viele Zwangspatient*innen leiden zusätzlich unter Depressionen – oft als Folge des langen Leidensweges. Typische Symptome sind Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Selbstzweifel. Zwangsstörungen gehen außerdem immer mit starken Ängsten einher, etwa mit Angst vor Kontrollverlust. Dieser Kreislauf ist Gegenstand der individuellen Therapie.

Mit nonverbalen Verfahren wie Kunst-, Musik- oder Bewegungstherapien können Emotionen erkannt, verarbeitet und stabilisiert werden. In Vorbereitung auf die Entlassung werden die Alltagsfähigkeiten wiederaufgebaut und geübt, z.B. Schulbesuch. Beurlaubungen nach Hause mit gezielten Übungen zu im Vorfeld stark zwangsbesetzten Bedingungen sichern den Transfer. Angehörige werden mit einbezogen, um aus dem Zwangssystem „entlassen“ zu werden und zu erfahren, wie sie hilfreich unterstützen können. Alles Gesunde, wie Ressourcen und altersentsprechende Aktivitäten, werden gestärkt und helfen, die Attraktivität des zwangfreien Lebens erlebbar zu machen.