Jetzt NEU: Schematherapie
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Schematherapie in der Klinik für Jugendliche und junge Erwachsene

Was ist Schematherapie?

Schematherapie ist eine relativ neue, sehr erfolgreiche Art von Psychotherapie, die sich aus der kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt hat. Sie ist sehr anschaulich, alltagsnah und v.a. für junge Menschen leicht verständlich; sie kann daher für viele Patienten eine sehr effiziente Behandlungsmethode sein. Aus diesem Grund haben wir uns zu einer berufsgruppenübergreifenden Fortbildung einer großen Mitarbeiter-Gruppe entschieden.

Was ist ein Schema?

Die Schematherapie verwendet eigene Begrifflichkeiten, auf die man sich zu Beginn einlassen muss. Danach kommt man aber schnell zu einem sehr übersichtlichen, persönlichen Modell des Patienten, welches in der Regel vom Patienten sehr gut angenommen wird. Mit Hilfe dieses Modells wird dann therapeutisch gearbeitet.

Die wichtigsten Begriffe sind Schema und Modus. Ein Schema ist das Ergebnis ungünstiger Erfahrungen als Kind und Jugendlicher und entsteht durch die wiederholt fehlende Befriedigung von kindlichen Grundbedürfnissen. Wenn z.B. ein Kind Zuwendung hauptsächlich bei guten Schulleistungen bekommt, dann wird dieses Kind als Jugendlicher und Erwachsener die Überzeugung entwickeln, dass man sich Zuneigung verdienen muss und nur dann liebenswert ist, wenn er oder sie immer Höchstleistungen in Schule und Beruf bringt – vielleicht entsteht sogar die Überzeugung, nur dann genug gearbeitet zu haben, wenn man besser als alle anderen ist. Durch diese überzogenen Leistungsansprüche läuft man vielleicht in einen Erschöpfungszustand („Burn Out“), der als Ergebnis der Anstrengungen eine verringerte Leistungsfähigkeit zur Folge hat.

Hier ist also auf der Basis von schwierigen Erfahrungen als Kind eine Lebensfalle entstanden, in die der Erwachsene immer wieder hinein läuft und wo er immer wieder dieselben negativen Erfahrungen macht. Unglücklicherweise bleibt dieses Schema stabil, da die Leistungen subjektiv ja nie genügen: „Dann muss ich mich eben noch mehr anstrengen“. Es wird von selbst also nicht besser.

Was ist eine Schemaaktivierung?

Für das weitere Verständnis ist nun der Begriff Schemaaktivierung zentral. Eine Schemaaktivierung entsteht durch charakteristische Auslösesituationen. Wenn wir bei dem obigen Beispiel bleiben, dann könnte Folgendes passieren:

Wenn in der Schule oder Uni eine schriftliche Arbeit angekündigt wird, dann entsteht ein unangenehmer Spannungszustand, der aus Gedanken, Gefühlen, Körperempfindungen und Handlungen besteht.

Typische Gedanken:

  • „Du musst ab sofort Tag und Nacht lernen“;
  • „hoffentlich fällt keinem auf, wie dumm du in Wirklichkeit bist“;
  • „du musst besser sein als die anderen, sonst kann dich keiner mehr leiden“;
  • „meine (Eltern, Partner, Freunde) werden sehr enttäuscht sein und sich von mir abwenden, wenn ich kein sehr gutes Ergebnis erreiche.“

Typische Gefühle:

  • Überforderung
  • Hilflosigkeit
  • Angst vor Versagen

Typische Körperempfindungen:

  • starke Anspannung
  • Kloß im Hals
  • hoher Puls
  • Druck

Typische Handlungen:

  • Entweder sich in sein Schicksal ergeben und exzessiv lernen (sogenannte Unterwerfung)
  • sich ablenken, die Wohnung auf Hochglanz putzen, das Lernen auf morgen verschieben und sich am Tag der Arbeit krank melden (sogenannte Vermeidung).
  • Die dritte Variante (sogenannte Überkompensation) ist bei diesem Beispiel eher unwahrscheinlich, würde aber z.B. bedeuten: sehr wütend auf die Schule oder Uni werden („Schon wieder eine Arbeit, was bilden die sich denn ein!“) und versuchen, einen Schülerstreik zu organisieren.
Die 3. Form der Schemaaktivierung bei der Schematherapie bei Kindern.

Abb. 1: Manchmal fühlen wir uns auch als Jugendliche oder Erwachsene wie ein kleines Kind, z.B. sehr traurig oder wütend und trotzig. © HEMERA Klinik

Dieses gesamte Bündel der vorstehend genannten Reaktionen bezeichnet man als Schemaaktivierung:

  • Eine bestimmte Auslösesituation führt wegen der sehr spezifischen Lebenserfahrungen zu einer heftigen, nahezu automatisch ablaufenden Reaktion – der Mensch ist im Zustand „Autopilot“.
  • Viele andere Menschen (mit anderen Lebenserfahrungen) würden in der Situation nicht in diese Anspannung geraten.
  • Die Handlungen sind nicht geeignet, um das eigentliche Problem zu verbessern, sondern führen meistens eher zur Verfestigung des negativen Musters.

Was ist ein Modus?

Bis hierher haben wir eine verhaltenstherapeutische Analyse geschrieben, die bis auf den Begriff „Schema“ wenig Neues enthält. Neu (aus Sicht der Verhaltenstherapie) ist nun aber, die Gesamtheit der Schemaaktivierung als nicht funktionales Zusammenspiel einzelner Persönlichkeits-Teile zu begreifen, ähnlich wie ein unkoordiniertes Schauspielensemble, dem ein durchsetzungsfähiger Regisseur und Autor fehlt. Diese Persönlichkeitsanteile, die bei einer Schemaaktivierung ein Eigenleben führen, nennt man Modi (Einzahl: Modus). Das Bewusstmachen dieser Zusammenhänge und Automatismen führt uns dann zu Möglichkeiten der Veränderung. Die Stärkung des inneren Regisseurs, fachsprachlich: des Gesunden Erwachsenen-Modus, ist das allgemeine Ziel der Therapie (vgl. Abbildung 3). Neben diesem gesunden Erwachsenen-Modus gibt es sogenannte „Dysfunktionale Eltern-Modi“, die verinnerlichte Botschaften von früheren Autoritäts- und Bezugspersonen sind. Wenn ein Kind oft abgewertet wurde („Das kannst du sowieso nicht!“), treten diese Botschaften später als innere Stimme wieder auf, in diesem Fall heißt der Modus strafender Eltern-Modus.

Kind-Modi sind demgegenüber Repräsentationen kindlicher Erlebensweisen und drücken sich meist als Gefühle und Körperempfindungen aus. Als Reaktion auf einen strafenden Eltern-Modus könnte z.B. der Kind-Modus des verletzlichen Kindes in Erscheinung treten mit Gefühlen wie Angst, Einsamkeit und Schmerz.

Schematherapie in der Klinik

Abb. 2: Der leistungsfordernde Modus verlangt gnadenlos immer Höchstleistungen. © HEMERA Klinik

Um das Beispiel von oben fortzuführen: Ein Patient hat als Kind sehr strenge Großeltern gehabt, die immer auf sehr gute Leistungen in der Schule gepocht haben und enttäuscht waren, wenn es „nur eine 3“ war. Zum Ausgleich mussten dann zusätzliche Lernstunden absolviert werden. Diese Haltung wird verinnerlicht und in der Schemaaktivierung als leistungsfordernde Gedanken erlebt, wie z.B. „Du musst dich noch mehr anstrengen.“ Das ist der leistungsfordernde Eltern-Modus. Der Modus heißt so unabhängig davon, ob die realen Eltern tatsächlich diese abwertenden Botschaften vermittelt haben – es können auch Lehrer, Großeltern oder andere wichtige Erwachsene gewesen sein. Ein innerer Elternmodus muss demnach nicht aus dem Verhalten der realen Eltern entstanden sein.

Die Gefühle und Körperempfindungen in der Schemaaktivierung stellen im Wesentlichen das Erleben eines kleinen Kindes in einer Überforderungssituation dar: Angst, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Diesen Teil bezeichnet man daher in unserem Beispiel als Modus des verletzlichen, hilflosen Kindes. Zwischen dem dysfunktionalen Elternmodus (hier: leistungsfordernd) und dem Kindmodus (hier: verletzlich) besteht i.d.R. eine starke Spannung.

Diese veranlasst den Menschen zu Handlungen, die das Problem lösen oder doch mindestens die Spannung verringern sollen. Diese Handlungen sind jedoch in der Regel nicht wirklich hilfreich, weil sie nur für den Moment funktionieren oder um den Preis der Selbstabwertung. Drogengebrauch z.B. als Ablenkung funktioniert womöglich kurzfristig, ist aber langfristig aus verschiedenen Gründen keine Lösung. Man nennt dieses Handeln Bewältigungsmodus. Oft haben die aktuellen Bewältigungsversuche früher für das Kind funktioniert, sind aber nicht mit dem Menschen mitgewachsen. Demütiges Hinnehmen und Sich-Fügen in eine schwierige Lebensbedingung (fachsprachlich: Unterwerfung) z.B. war für das Kind womöglich eine hilfreiche Strategie, um mit möglichst wenig Schaden die Situation zu überstehen, erzeugt aber für einen Erwachsenen Probleme, da es in die Selbstausbeutung und totale Erschöpfung („Burn out“) führen kann.

Wie funktioniert die Schematherapie?

An dieser Stelle kann man die erste Idee entwickeln, was zur Verbesserung führen könnte: Jemand müsste sich um das Kind kümmern, es trösten und vor dem Elternmodus in Schutz nehmen. Der Elternmodus müsste bekämpft und begrenzt werden. Und die ungünstigen Bewältigungsmodi müssten eingeschränkt und abgebaut werden.

Wer kann das machen? Am Ende der Therapie hoffentlich der Patient selbst. Der innere Anteil, der das leisten soll, wird „Gesunder Erwachsenen-Modus“ genannt. Am Anfang der Behandlung übernimmt der Therapeut bewusst die Rolle der „guten Eltern“, da die Patienten noch nicht selbst für sich sorgen können, und stellt damit ein wichtiges Modell für den Patienten dar, damit dieser selbst sich in die Rolle des gesunden Erwachsenen (bzw. des cleveren Jugendlichen) hinein entwickeln kann.

Konkrete Umsetzung der Schematherapie

Zu Beginn der Therapie werden dem Patienten die wichtigsten Grundbegriffe der Schematherapie vermittelt und Zusammenhänge mit der persönlichen Lebensgeschichte hergestellt. Mit Hilfe von Fragebögen und Gesprächen wird das individuelle Modusmodell erstellt.

Abbildung 3: Allgemeines Modusmodell

Abb. 3: Allgemeines Modusmodell © HEMERA Klinik

Je nach den individuellen Voraussetzungen des Patienten kann zunächst mit Unterlagen aus Therapiemanualen gearbeitet werden, um einen selbstverständlichen Umgang mit den eigenen Modi zu lernen. Ziel ist auch, für Schemaaktivierungen im Alltag sensibel zu werden. Für viele Patienten ist es völlig neu und zunächst schwer umsetzbar, z.B. die innere leistungsfordernde Stimme (leistungsfordernder Elternmodus) als etwas zu betrachten, was nicht ein elementarer Teil des eigenen Selbst ist, sondern als etwas, was irgendwann von außen bedingt und angelegt wurde und nun auf ein gesundes Maß reduziert werden soll.

Eine der zwei zentralen Techniken der Schematherapie ist der Stühledialog. Wenn beim Patienten gerade der leistungsfordernder Eltern-Modus aktiv ist, dann wechselt der Patient von seinem auf einen anderen Stuhl und spricht als leistungsfordernder Modus zu dem jetzt leeren Stuhl. Auch das überforderte Kind bekommt seinen eigenen Stuhl und der Patient soll darauf nur die dazu gehörenden Gefühle spüren und seine Bedürfnisse benennen. Aus der Stuhl-Position des gesunden Erwachsenen heraus soll sich der Patient schließlich um das Kind kümmern und den dysfunktionalen Eltern-Modus in direkter Ansprache entmachten. Oft ist es hilfreich, wenn der Therapeut dies als Rollenmodell zunächst vormacht. Es entsteht eine Art Inszenierung, in der die verschiedenen Stühle die verschiedenen inneren Anteile zunächst trennen und deren Funktion veranschaulichen. Der Patient wechselt dabei zwischen den Stühlen, stärkt im Prozess die gesunden Anteile und lernt, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und zu versorgen.

Abb. 4: Im Bewältigungsmodus der Unterwerfung akzeptieren wir die Botschaften des Elternmodus.

Abb. 4: Im Bewältigungsmodus der Unterwerfung akzeptieren wir die Botschaften des Elternmodus. © HEMERA Klinik

Die zweite zentrale Technik ist die Vorstellungs- bzw. Imaginationsübung. Hier wird nach kritischen Erlebnissen in der Vergangenheit gesucht und bedeutsame Situationen werden nachträglich in der Vorstellung so bearbeitet, dass sie – entgegen der Realität – jetzt zu einem guten Ende kommen. Auch hier geht es darum, dass die Patienten sich als „selbstwirksam“ erleben, also sich jetzt so helfen können, wie sie das als Kind noch nicht konnten. Das führt zu zwei zentralen Erlebnissen: die Wunden der Vergangenheit werden versorgt und der Patient erlebt sich als kompetent, für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zu sorgen.

Im weiteren Verlauf wird mit konkreten Schemaaktivierungen im Alltag gearbeitet. Die Patienten sollen dabei lernen, die folgenden Schritte auszuführen, wenn sie eine Schemaaktivierung erleben:

  1. Erkennen: Ich habe gerade eine Schemaaktivierung. Jetzt laufe ich quasi auf Autopilot, wenn ich nichts dagegen unternehme.
  2. Benennen: Welche Gefühle und Gedanken erlebe ich gerade durch die Schemaaktivierung? Welche Modi sind gerade aktiv?
  3. Distanzieren: Obwohl gerade ein lange gelerntes und eingeübtes Programm in mir abläuft, kann ich etwas daran ändern.
  4. Anerkennen: Das war für mich als Kind wahrscheinlich das bestmögliche Verhalten, aber jetzt steht es einem zufriedenen Leben im Weg.
  5. Inhalte aus der Therapie in die Praxis umsetzen: Elternmodus begrenzen, Kind versorgen, ggf. gegen einen Bewältigungsmodus vorgehen. Also: ein neues Verhalten in der kritischen Situation ausprobieren und erleben, dass es mir damit besser geht.
  6. Das neu Gelernte abspeichern und in Zukunft wieder so handeln, um das alte Verhalten allmählich zu überschreiben.

Umsetzung in der stationären Behandlung

Die Basis für die schematherapeutische Arbeit ist das persönliche Modusmodell, welches eine komplexe Symptomatik in eine sehr übersichtliche Struktur bringt, die hervorragend zur Kommunikation geeignet ist. Dadurch wird generell die Zusammenarbeit im Team erleichtert. In den Kreativtherapien kann in Absprache mit der Psychotherapie mit demselben Modell gearbeitet werden. Dabei kann die Arbeit auch z.B. so aufgeteilt werden, dass in einer Therapieform an den Kind-Modi und in der anderen an den Eltern-Modi gearbeitet wird.

In den Kreativtherapien können zudem die Inhalte der Psychotherapie durch Gestaltung oder Verbildlichung vertieft und veranschaulicht werden. Der Pflege- und Erziehungsdienst kann viel spezifischer auf einen Patienten eingehen; wenn es einem Patienten akut schlecht geht, kann konkret nach einer Schemaaktivierung gefragt werden. Gemeinsam mit dem Patienten kann die geschulte Pflege- oder Erziehungskraft das aktuelle Verhalten in das persönliche Modus-Modell einordnen und somit alltagsnah bewusst machen. Der Patient kann angehalten werden, das anzuwenden, was er in der Psychotherapie gelernt hat, z.B. um einen dysfunktionalen Eltern-Modus zu bekämpfen oder das ängstliche Kind zu versorgen.

Patienten können sich innerhalb dieser Therapie-Methode untereinander verständigen und unterstützen, z.B. können neue Patienten vom Wissen und den Erfahrungen der bereits länger anwesenden Patienten profitieren. Schematherapeutische Patienten-Gruppen vertiefen die Anwendbarkeit im alltäglichen Leben auf Augenhöhe mit Gleichaltrigen.

Perspektive

Sehr positive Rückmeldungen von Patienten und Familien waren für uns der Anlass, Schematherapie über die reine Psychotherapie hinaus als übergreifendes Behandlungskonzept in der Klinik einzuführen. Wir sind sicher, unser Behandlungsangebot damit noch weiter verbessern und noch bessere Übertragung von der Therapie in den Alltag ermöglichen zu können.

Leseempfehlung

G. Jacob, H. van Genderen und L. Seebauer (2011): Andere Wege gehen. Lebensmuster verstehen und verändern – ein schematherapeutisches Selbsthilfebuch. Beltz-Verlag